Dirigieren

Als Kind hatte ich beim Hören von Musik den intensiven Drang, das Gehörte zu dirigieren. Ich wusste wohl, dass meine Gesten eher Tanz waren, der sich bloß als Anweisung gerierte. Dennoch war ich dabei peinlich darauf bedacht, den Eindruck zu erwecken, die Musik würde sich nach meinem Fuchteln richten; auch imitierte ich die Gesten der Dirigentinnen, die ich im Fernsehen gesehen hatte.

Eine Geigerin, die bei uns in der Wohnung übte, musste mit Geduld ertragen, dass ich leidenschaftlich gerne, falsch und mit großem Enthusiasmus, den vermeintlichen Takt ihres Spiels auf dem Fußboden schlug. Ich selbst war von der Nützlichkeit meines Tuns übrigens überzeugt.

Wenn Helmuth Plessner recht hat und die Dirigentin die Sprecherin des Publikums ist – also die Bewegungen vollführt, welche die Hörenden sich versagen müssen –, dann sind die Menschen wohl beim Hören von Orchester-Musik innerlich zappelnde Kinder, denen verboten werden muss, den Takt falsch mit zu klatschen. Genauso soll es sich beim Neujahrs-Konzert in Wien dieses Jahr zugetragen haben.

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